Vorweihnachtliche Gedanken… – Fortsetzung

Ergänzend zu dem vorherigen Blogeintrag von Lars Brand aka dg77.de gibt es eine kleine Fortsetzung, die ich unseren Lesern nicht vorenthalten möchte. Lars ist eine der wenigen Personen, die ich kenne, die sich intensiv mit dem Leben auseinandersetzen und das auch mitteilen – und nicht mit den Ansichten hinter dem Berg hält. Eine gute Einstellung, wie ich finde. Und prima, dass er diese mit uns teilt!

Von Lars Brand

Wenn Ihr dg77 nochmal fragt,…

Ich will niemandem zu nahe treten! Meine Worte sind groesstenteils eine Bestandsaufnahme; zur weiteren Betrachtung moechte ich das Wort abgeben an den letzten deutschen Poeten, der sich versteht, Worte in passende Toene zu kleiden. Konstantin Wecker schrieb vor einigen Jahren sein “Deutsches Phaenomen”, woraus ich nun einige Ausschnitte mitgeben moechte.

Höchste Zeit, Freunde, auch mal Bilanz zu ziehen
keine Freude, keine Angst – nicht um zu fliehen
sondern einfach mal so zwischendrin
nachzufragen, wo ich stehe, wo ich bin.

[…]

Hab mich öffentlich verstiegen und verirrt,
meine Feinde, meine Lieben oft verwirrt,
hab nie konstatiert, perfekt zu sein,
hab mich stets bemüht, nicht so geleckt zu sein,
hab mich äußerst selten angebiedert,
denn mich hat in erster Linie angewidert,
das, was hier in meinem Land so lästig ist:
Fast jeder Nachbar ist ein Doppel- oder Mehrfachmoralist.

Lieber erst einmal zur Seite gehn
und vertrocknet in der Ecke stehn,
niemals mittendrin, nur aus Versehen
sich nicht verrennen, nicht verbrennen,
drüberstehn,
niemals lachen über sich, nur über irgendwen,
statt Esprit und Witz ein neues Theorem,
nur um Leichtigkeit in Schwere umzudrehn
manchmal sicher nützlich, meist bequem.

Doch was machen sie, wenn sie die Sterne sehn
in lauen Nächten, die zum Himmel wehn,
sie lassen sich nicht fallen, niemals gehn.
Ist das nicht ein schreckliches Problem,
voller Neid im Leben meist nur zuzusehn:
Freunde glaubt es mir, das ist das deutsche
Phänomen.

Ach, mir stinkt das neue Biedermeier,
die Verödung unsrer Sprache, die Familienfeier,
keine Nebensätze, nur Parolen,
ja, man schmückt sich mit der Lüge unverhohlen.
Und natürlich gibt es die, die Dir noch in die Augen sehn,
die noch nicht gebückt durchs Leben gehn,
die nicht mitspielen, wenn die andern Stück für Stück
ihre Selbstachtung verhökern für ein Glück,
das nur momentan behaglich ist,
doch am Ende äußerst fraglich ist.
Ach, meine Heimat ist kein Land, wo ich parier,
meine Heimat ist in erster Linie hier,
meine Lieder, meine Sehnsucht, mein Klavier
und ich bin sicher, meine Heimat seid auch Ihr.

Und jetzt wird es Zeit, den Ignoranten,
Neidhammeln und ewig Süffisanten
selbstherrlich, selbstfraulich sykophanten
ewig drüberstehenden Intoleranten
auch einmal zurückzugeben,
denn sie zeigen nichts von ihrem eignen Leben
und besudeln meins, stets aus der Ferne
mit ihrem aufgestauten Frust – ich stell mich gerne
und dann solln sie mir so unversöhnlich
wie sie reden, wie sie schreiben, mir persönlich
ihren Haß und Neid Auge in Auge
um die Ohren schlagen, und ich glaube,
wenn so mancher erst mit mir allein ist,
fällt ihm auf, was er für´n feiges Schwein ist.
Auch ich bin bereit für weitre Dellen
und vielleicht gelingt es Euch, mich noch zu fällen,
doch was soll´s, dann lieg ich eben
und wenn Ihr auf mich scheißt – Ihr scheißt daneben,
denn ich hab genommen und gegeben,
und das Wichtigste gespürt:
mich selbst und so viel Lieb und sattes Leben.

Konstantin Wecker

Sicherlich meinte Konstantin mit den Schreibern andere, als jene allgemeine (oder konkrete Teil-)Masse, auf die ich mich beziehe. Doch treffen seine Zeilen den Kern der Sache recht genau. Beim Menschen handelt die Vernunft morgen, selten im jetzt.


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