"Technologieregion" Karlsruhe blamiert sich – Intel Friday Night Game findet nicht statt

Die Diskussion um Computerspiele, besonders um sogenannte Ego-Shooter, treibt nach dem Amoklauf von Winnenden immer absurdere Blüten. Während man die Absage von Spiele-Partys im direkten Umfeld des Amoklaufs nachvollziehen kann, schießt die Forderung nach einem generellen Verbot von „Killerspielen“ und die Absage von entsprechenden Veranstaltungen über das Ziel hinaus. Hintergrund sind nicht etwa tatsächliche Probleme die sich aus dem Computerspielkonsum ergeben, sondern vielmehr geschürte Ängste und natürlich: Wahlkampf.

Bei der für den 5. Juni geplanten Intel Friday Night Game der Electronic Sports League Pro Series Season XIV in Karlsruhe sollten eigentlich mehr als 1.000 Zuschauer einen Wettstreit von 20 Gamern verfolgen. Aber das ganze passte nicht mehr so recht in das Bild der Kommunalpolitik. Zunächst wollte die CDU-Fraktion im Stadtrat den ebenfalls der CDU angehörenden Oberbürgermeister zu einer Kündigung der Verträge mit dem Veranstalter Turtle Entertainment bringen. Da dieser sich weigerte, wurde eine entsprechende Vorlage in den Stadtrat eingebracht, über die heute Abend entschieden werden sollte. Mittels einer Gesellschafterweisung der Stadt Karlsruhe gegenüber der Karlsruher Messe- und Kongress-GmbH (KMK) wollte man eine „Beendigung des Mietvertrages zwischen der KMK und der Turtle Entertainment GmbH über die Durchführung der „Turtle-Electronic Sports League“ am 05.06.2009 in der Schwarzwaldhalle“ erzwingen. Auch wenn sich der OB wiederum dagegen aussprach, war eine Mehrheit für seine Haltung im Stadtrat keineswegs sicher. Besonders das Spiel Counter-Strike hatte es den Gegner angetan. Da fand auch die Argumentation des OB „Zuletzt wurde jedoch durch die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien das Spiel Counter Strike als „nicht jugendgefährdend“ eingestuft.“ keine Berücksichtigung in der Bewertung.

Weiter hatte der OB erläutert:

Das Bürgermeisteramt ist der Auffassung, dass es sich bei Entscheidungen an die gültigen gesetzlichen Rahmenbedingungen halten muss und sich dieser gesellschaftspolitischen Diskussion nicht durch die Absage einer Veranstaltung entziehen darf. Es ist vielmehr angezeigt, dieser gesellschaftlichen Diskussion eine Plattform zu bieten. Mit einem Begleitprogramm, wie von der Verwaltung am 20. Mai 2009 vorgestellt, soll dies anlässlich der Veranstaltung und im Nachgang dazu auf breiter Ebene umgesetzt werden. Am 5. Juni sollen vor allem interessierte Eltern und Erziehungs- und Lehrkräfte die Möglichkeit haben, sich inhaltlich mit der Jugendkultur der Computerspiele auseinanderzusetzen. Eine Podiumsdiskussion über dieses sensible Thema auf gesellschaftspolitischer Ebene hält die Verwaltung zu diesem Zeitpunkt vor dem Hintergrund des laufenden Kommunalwahlkampfes nicht für zielführend. Im Vordergrund müssen derzeit die aufgrund der Geschehnisse in Winnenden erneut aufgekommenen Sorgen und Fragestellungen der Eltern stehen.

Doch zu ein Abstimmung kam es nicht mehr. Vor kurzem hat der Veranstalter Turtle Entertainment erklärt, dass die Intel Friday Night Game am 5. Juni nicht stattfindet. Unter der Überschrift „Computerspieler in Karlsruhe unerwünscht“ schreibt der Veranstalter:

„Wir haben den Eindruck im Karlsruher Kommunalwahlkampf instrumentalisiert zu werden. Mit viel Engagement haben wir den Dialog mit der Karlsruher Politik gesucht und Gespräche geführt. Jeder konstruktiven Diskussion über den Umgang mit Computerspielen und neuen Medien wird allerdings die Grundlage entzogen, wenn von demokratischen Parteien öffentlich die Kündigung rechtsgültiger Verträge angeregt wird. In abschließenden Gesprächen gestern und heute Morgen mit Oberbürgermeister Heinz Fenrich haben wir uns deshalb darauf verständigt, von unserem Vertragsrecht Abstand zu nehmen und die Veranstaltung abzusagen. In der technologiefreundlichen Stadt Karlsruhe, in welcher auch das Bundesverfassungsgericht seinen Sitz hat, hätten wir einen solchen Umgang nicht erwartet“, sagt Ralf Reichert, Geschäftsführer der Turtle Entertainment GmbH. „Wir bedauern, dass eine Veranstaltung, die seit Jahren Ausdruck zeitgenössischer Jugendkultur ist, regelmäßig in 16 deutschen Großstädten gastiert und selbstverständlich unter Beachtung des ohnehin europaweit schärfsten deutschen Jugendschutzes durchgeführt wird, die Karlsruher Kommunalpolitik mit anhaltenden Diskussionen bestimmt. Es wird deutlich, dass die große Distanz zu unserer Jugend und den neuen Medien einen schweren Generationskonflikt offen legt.“

Diese große Distanz zu neuen Medien hat übrigens der Karlsruher CDU-Kreisvorsitzende und -Stadtrat Ingo Wellenreuther auch vor kurzem bei der Internetzensur-Debatte im Bundestag gezeigt. Alles in allem ist das für eine Stadt, die immer mit „TechnologieRegion Karlsruhe“ für sich wirbt und sich gern als „Nano-Valley am Rhein“, „Badisches Silicon Valley“ oder „Deutschlands Denkfabrik“ bezeichnen lässt doch etwas merkwürdig.

Über die Hintergründe erfährt man nun auch einiges bei heise-online.


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